Die unheimliche Unordnung der Literatur. Ein Essay zu Michel Foucaults L’ordre de discours

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„Der Autor ist dasjenige, was der beunruhigenden Sprache der Fiktion ihre Einheiten, ihren Zusammenhang, ihre Einfügung in die Wirklichkeit gibt.“ — Die Fiktion ist dasjenige, was mir meine Einheiten, meinen Zusammenhang, meine Einfügung in die Wirklichkeit gibt.

Foucault versus Patmin

„[C]es textes curieux, quand on envisage leur statut, et qu’on appelle «littéraires»“2 beschreibt Michel Foucault die Literatur in seiner Antrittsvorlesung 1970. Neugierig bewegt sich der Philosoph um diesen merkwürdigen gar kuriosen Begriff, während er die Ordnung des Diskurses formuliert. Immer wieder kommt er auf die Literatur zu sprechen, um ihr schnell wieder den Rücken zu zukehren und so nie lange genug zu verharren – oder gar substanzielle Definitionen zu liefern. Er verweist auf ihre Autoren und Werke ohne klare Referenz, ohne inhaltliche Analysen oder überhaupt irgendeinen literarischen Kontext. Sie stehen plötzlich da, ganz selbstverständlich, illustrieren seine Gedanken meist zu den Grenzerfahrungen, wie Bataille oder Artaud. So sei die Literatur beziehungsweise der literarische Text ein Bereich (domaine), ein Teil des Diskurses, ein medialer Ausdruck eines Diskurs (types de discours), ein diskursiver Ausgangspunkt (texte premier), ein Orientierungszeichen für Exklusionsverfahren, die Radikalisierung eines Ordnungsprinzips und vieles mehr. Auf mich wirkt sie dadurch unheimlich, ungreifbar undfast etwas gespenstisch. Was bedeutet diese changierende Literatur letztlich in Foucaults Ordnung des Diskurses?

Und warum meidet Foucault klare Zuordnungen und kann doch nie ganz weg von der Literatur? Liegt es an seiner anfangs erläuterten „inquiétude à l’égard de ce qu’est le discours dans sa réalité matérielle de chose prononcée ou écrite“3? Die (verschriftlichte) Aussage materialisiere das wuchernde Rauschen und die unkontrollierte Willkür des ungeordneten, unendlichen Diskurses, wodurch es uns erst beunruhigend bewusst werde. Statt seine abschließende Frage „Où donc est le danger?“4 zu beantworten, spricht er von Prozeduren der Ausschließung: das Verbot, die Aus-grenzung des Wahnsinns und den Willen zur Wahrheit. Und hier treffen wir in der Transkription erstmals auf die Literatur – nicht als Materialisierung der Unruhe sondern als institutionelle Basis des Willens zur Wahrheit, „comme le système des livres, de l’édition, des bibliothèque“.5 Wir befinden uns also Mitten im Diskurs und die Institutionen des Literaturbetriebs wahren seine Grenzen und Struktur. Später im Vortrag nennt Foucault diese auch Diskursgesellschaften (socíetés de discours – also auf eine gewisse Weise auch eine Vergesellschaftung oder Sozialisierung des Diskurses?). Ihre Funktionen seien, zu „conserver ou […] produire des discours, mais pour les faire circuler dans un espace fermé, ne les distribuer que selon des règles strictes“6. Doch werden sie im selben Absatz wieder diffus – sobald er auf die Literatur zu sprechen kommt. Denn der/die SchriftstellerIn als Personifikation der Diskursgesellschaft verleihe seinem/ihrem Diskurs – was wiederum die Literatur zu einer Art Sammlung von SchriftstellerInnendiskursen macht – einen caractère intransitif. In der Grammatik beschreibt ein intransitives Verb eine Handlung, die auf kein Objekt verweist. Das Schreiben (écriture) oder genauer das literarische Schreiben wird in ihrer Selbstreflexivität der Moderne ebenfalls nicht mehr als Verweis auf das Objekt sondern als Asymmetrie der création verstanden. Doch welcher Art von Objekt entzieht sich der literarische Teildiskurs? Bleiben wir in der Linguistik, wäre das Signifikat und die Realität naheliegend, und somit die Möglichkeiten der Fiktion. Oder handelt es sich beim Objekt um den Diskurs selbst, als inhaltlicher Bezugsrahmen und Machtstruktur, und somit die Möglichkeit der Grenzüberschreitung bis hin zur Negation? Folglich wäre die Literatur ein Antidiskurs innerhalb eines übergeordneten (nicht-literarischen) Diskurses… Ist die Literatur vielleicht für ihn so schwer fassbar, da sie die Ordnung als externe Instanz disruptiert? Liegt gerade in dieser widersprüchlichen Charakteristik der écriture die anfangs angesprochene gefährliche Unruhe, da sie Teil eines Diskurses ist, aber gleichzeitig von Außen auf den Diskurs wirkt?

Foucault positioniert die Literatur nämlich in zweifacher Hinsicht auch außerhalb des Diskurses: als Orientierungszeichen seiner Grenzen und als radikale Aufhebung der Abstufung des Kommentars. Bei Ersteren bezieht er sich wieder auf den Willen zur Wahrheit. Aufbauend auf der Ambivalenz des literarischen Teildiskurses, fordere die Literatur den Willen zur Wahrheit, jene „prodigieuse machinerie destinée à exclure“7, heraus. Sie versuche, „contourner cette volonté de vérité et de la remettre en question contre la vérité, là justement où la vérité entreprend de justifier l’interdit et de définir la folie“8. Er nennt hier Bataille und bringt seinen Aufsatz Préface à la transgression (1963) in Erinnerung. Hier überschreite die Sprache die Grenzen des Diskurses der Sexualität, in dem sie selbstreflexiv und inhaltslos scheitere und das Subjekt sich im Moment sexueller Ekstase verliere. Wie genau dies geschieht, führte Foucault weder in seinem Vortrag noch im Vorwort aus, er verblieb vielmehr in philosophischer Abstraktheit.

Ähnlich abstrakt erscheint mir die zweite Grenzerfahrung: der Diskurs werde über Prozeduren der Klassifikation, Anordnung und Verteilung gebändigt. Eines dieser Prinzipien sei der Kommentar und seine Abstufung zwischen Alltagsäußerungen, die vergessen werden, und „l’origine d’un certain nombre d’actes nouveaux de paroles“9. Diese origine seien die anfangs zitierten textes curieux, später auch Primärtexte genannt. Am Beispiel der Odyssée differenziert Foucault die Literatur in Primärtexte und deren Wiederholung im Sekundärtext, wie Ulysses von James Joyce. Der Primärtext erweckte bei mir die Assoziation mit dem Diskursivitätsbegründer aus „Qu’est-ce qu’un auteur?“ (1969). An dieser Stelle behauptet Foucault jedoch, dass RomanautorInnen wie Anne Radcliff bloß ein Terrain für Analogien erschließen können, aber keine Unterschiede hervorriefen und folglich keine Diskurse begründen. Gerade an diesem Beispiel – wie auch an der Odyssee – zeigt sich meiner Meinung nach aber, dass der Schauerroman als Genre (=Diskurs?) auch Persiflagen, Umkehrungen und kritische Auseinandersetzung motiviert. Die Literatur fungiert jedenfalls als Ursprung von Diskursen und konstituiert sie auch als affirmierender, transformierender oder negierender Kommentar. Um es noch etwas zu verkomplizieren, differenziert hierbei Foucault noch in Diskurstypen: am Beispiel der Odyssee in Übersetzung, Texterklärungen und literarisches Werk. So entspräche die Literatur wieder einem internen Ordnungsprinzip, dem der Abstufung des Kommentars, welches wiederum negiert werden kann. Für jene radikale Aufhebung nennt Foucault als Beispiel Borges‘ Spiel der Wiederholung – wieder unkonkret, simpel der Name des Autors als Position in seinem Diskurs der Ordnung des Diskurses. Als weitere Radikalisierung sieht er die Angst, veranschaulicht im Protagonisten Janets: Jeder Kommentar, jede noch so alltägliche Äußerung, werde zum Primärtext, zur geheimnisvollen, gewichtigen Botschaft.

Gegen Ende stellt Foucault die alles umkehrende, rhetorische Frage: „Qu’est-ce que «l’écriture» (celle des «écrivains») sinon un semblable système d’assujettissement, qui prend peut-être des formes un peu différentes, mais don les grandes scansions sont analogues?“10.Nun sei das Schreiben, die Literatur, ein Unterdrückungssystem des Diskurses, der uns in seiner Unordnung und Unendlichkeit ängstige. Trotz oder gar wegen seiner inhärenten Unheimlichkeit folgt dadurch das literarische Schreiben dem begehrten Versuch, Ordnung zu schaffen, und sein – institutionalisiertes – Subjekt übernimmt gewisse ordnungsstiftende Funktionen. (Das Werk positioniert sich innerhalb des Diskurses, es reformuliert und kommentiert den Diskurs, lässt sich über seine/n AutorIn kontextualisieren, es zieht Grenzen mit Hilfe der Ausschlussverfahren.)

Und so stelle ich wieder die Gegenfrage: Was bedeutet die Literatur nun in Foucaults Ordnung des Diskurses? Literatur changiert zwischen den Dichotomien des Diskurses: Außen und Innen, Konstitution und Exklusion, Realität und Fiktion, Unterwerfung und Dominanz, Originalität und Wiederholung. Während Foucault dem/der AutorIn eine konkrete Funktion und Form gibt, entzieht er der Literatur jegliche Festlegung und Definition. Er versucht Literatur als System der Ordnung zu erfassen, aber immer wieder steht ein Fragezeichen dahinter. Mal ist sie der Diskurs, mal ordnet und bändigt sie ihn, mal ordnet sie sich ihm unter. Für mich bleibt die Literatur eine gespenstische Erscheinung, die sich immer wieder in ihrem Gegenteil aufhebt, und darin zeigt sich ihre Besonderheit.

Quelle:

Michel Foucault: L’ordre de discours. Paris: Gallimard 1972. Übersetzungen ins Deutsche aus der Ausgabe Die Ordnung des Diskurses. Frankfurt: Fischer 2007.

Foto in Banner: Installation „Liquid. 2014“ von Faig Ahmed. faigahmed.com

Fußnoten:

2„auch die literarischen Texte mit ihrem so merkwürdigen Status“ S. 18.

3„Unruhe angesichts dessen, was der Diskurs in seiner materiellen Wirklichkeit als gesprochenes oder geschriebenes Ding ist“ S. 10.

4„Wo liegt die Gefahr?“ S. 10.

5„[Wie] dem System der Bücher, der Verlage und der Bibliotheken“ S. 15.

6„Diskurse aufzubewahren oder zu produzieren, um sie in einem geschlossenen Raum zirkulieren zu lassen und sie nur nach bestimmten Regeln zu verteilen“ S. 27

7„jene gewaltige Ausschließungsmaschinerie“ S. 17.

8„diesen Willen zur Wahrheit umzubiegen und ihnen gegen die Wahrheit zu wenden, gerade dort, wo die Wahrheit es unternimmt, das Verbot zu rechtfertigen und den Wahnsinn zu definieren“ S. 17.

9„Ursprung anderer Sprechakte“ S.18.

10„Was ist denn das „Schreiben“ (das Schreiben der „Schriftsteller“) anderes als ein ähnliches Unterwerfungssystem, das vielleicht etwas andere Formen annimmt, dessen große Skandierungen aber analog verlaufen?“ S.30.

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